
Die Weltmeister mit dem Präsidenten des LTVS und Vereinsvorsitzenden 2x Rupp
Am 29.11.2008 war optimales Christoph&Blanca-WM-Titel-Wetter – Mistwetter mit leichtem Schneefall – so wie in Wien 2005 (Beinahe WM-Titel) und 2007 (EM-Titel) sowie Moskau 2006. Aus Tokio 2007 ist das Wetter nicht so exakt überliefert.
Das „Indoor-Wetter“ in der Berliner Max-Schmeling-Halle beschreibt das ganze Gegenteil: Rauchschwaden loser Saalhimmel bei strahlendem Scheinwerferschein und bester Fernsicht von allen Plätzen auf die gelungene Kulisse mit dem roten Einmarschteppich der Akteure durch ein nachempfundenes Brandenburger-Tor.
Dafür gebührt dem LTV Berlin als Veranstalter und dem Berliner Publikum ein dickes Lob für diese sensationelle WM. Die Organisation und die Zuschauerresonanz von ca. 5.000 Besuchern brachen weltweit viele Rekorde und setzen neue Maßstäbe. Wann ist es je vorgekommen, dass man bei einem Tanzsportevent vor der ausverkauften Halle angesprochen wird, ob man denn nicht noch eine Karte hätte…? Viele tänzerische Großveranstaltungen müssen bei der Besucherzahl mit einer Null weniger am Ende leben.
Franz Allert, als oberster Hüter des deutschen Tanzsportes, führte gewohnt souverän durch das 10-stündige Programm. Er ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn ihm der Name eines der vielen Ensembles im Rahmenprogramm nicht rechtzeitig zugetragen wurde.
Dieses war in der Tat Berlin-erlesen, tänzerisch-musikalisch bunt und reichhaltig. Der Tanz der Vampire der Berliner Kinder war genau der richtige Einheizer. Der Auftritt der Showformation des Berliner Turnerbundes zwischen den Finals mit integriertem musikalischem Matten und Turngeräte Auf- und Abbau große Klasse. Reine Platzgründe sind es, dass nicht alle Punkte des Rahmenprogramms Erwähnung finden. Was nicht heißen soll, dass die vielen ungenannten Cheerdance, Jazz/Moderndance und Standardtanzformationen nicht sehenswert gewesen wären.
Die Entdeckung dieses Turniers waren die Finnen Markus&Maria Hirvonen. Bei ihrer dritten WM-Teilnahme konnten sie sich nach zwei 18./19. Plätzen auf den 9. Platz vorarbeiten und wurden vom fachkundigen Publikum vollkommen zu Recht zum charmantesten Paar gekürt. Ihr jugendliches Aussehen, der spritzige Tanzstil und dass in der Vorrunde gerissene Lateinoutfit des Herrn - welches 3 Runden „durchhalten“ musste - bildeten die perfekte Dramaturgie für diesen Erfolg.
Zur Mission Titelverteidigung:
Auf den Schultern der Titelverteidiger muss ein Steinbruch gelastet haben. Der Erwartungsdruck zur Titelverteidigung im eigenen Land war durch Presse, Funktionäre und Fans immens hoch. Der Germany-Fanblock bastelte erfolgreich an einem neuen Konzept, wie man diesen Erwartungsdruck bei unseren Lieblingen irgendwie lindern könnte.
Jenny Müller, Franziska Schöne und Sylvia Jumel produzierten in einer „heimlichen Überraschungs-Kommandoaktion“ durch mühevolle Handarbeit – um evtl. Fragen nach höheren Stückzahlen im Ansatz zu ersticken – die Arbeitskleidung für die Abendveranstaltung. 68 knallgelbe, sehr begehrte Fanblock-T-Shirts. Diesmal konnte man die Fans nicht nur hören, jeder konnte Sie auch sehen…
Phil Schwarick als künstlerischer Leiter trichterte den Leuten den „Blanca, Blanca, Christoph go for Gold“-Slogan ein. Das zwischenzeitlich unkoordinierte „Fangeschrei“ – die Berliner ertrugen es geduldig – wurde durch die Dirigentin Ursula Rupp zum Finale hin gesteigert und in geordnete Bahnen gelenkt. Auch wenn der Dirigentenposten im Finale ersatzlos gestrichen werden musste, wegen Freihaltung eines nicht erkennbaren Fluchtweges.
Lohn der Mühe: Gewinn eines Sonderpreises in der Kategorie bester Fanblock – eine eigene Kinovorstellung für alle Fans, gestiftet von Cinemaxx. Der nicht zu unterschätzende Dänemark-Fanblock wurde auf den zweiten Platz verwiesen.
Zum tänzerischen Finale:
Zum Glück für die Titelverteidiger tanzten auch die Mitfavoriten das Standardfinale mit der angezogenen Handbremse. Die Situation war sowohl für Publikum und Wertungsgericht reichlich unübersichtlich. Bis auf das russische Paar, das in Standard nicht so Recht in Schwung kam, waren alle Paare ganz eng beisammen. Der Ausgang schien ziemlich ungewiss.
Ergebnis: Zahlengemisch vom Feinsten für Turnierleiter/Beisitzer-Schulungen. Ein Beispiel: Christoph&Blanca haben den Tango unter 4 Paaren mit einer Majorität auf dem dritten Platz gewonnen, weil sie sich keine 6 einhandelten. Alle 5 nichtrussischen Paare gewannen je einen Standardtanz und verteilten sich kunterbunt auf die Plätze. Das russische Paar gewann dafür Latein.
Hat es das in der WM-Historie jemals gegeben, dass jedes Finalpaar mindestens einen Tanz gewonnen hat…?
Endlich: In der Samba platzt der Knoten bei Christoph&Blanca. Hoffnung keimt auf. Der Fanblock zündet seinen Ernstfall-Reserve-Schlachtruf „Blanca ist viel g…(schöner) als der Rest“. Dieser Weckruf und die akute Gefahr einer Brustentblößung wegen Unpässlichkeiten mit Blancas Lateinkleid-Schulteraufhängung schienen die erwünschte befreiende Ablenkungswirkung zu entfalten. Christoph führte auf der Fläche bei laufender Cha-Cha-Runde galant eine Notreparatur durch, bevor das Problem vor der Rumba endgültig behoben wurde.
Allerdings konnten sich jetzt auch die Mitfavoriten vom Druck befreien und damit auf den letzten Schluck die Podiumsplätze erobern. Das war Pech für das dänische Paar, die dank der heilenden Kraft des eigenen Fanblocks souverän auftraten und nur mit 2 Platzziffern vom Podium ferngehalten wurden.
Nach dem Turnier mit verdeckter Wertung waren im Fanblock bange Minuten zu überstehen. Spannung pur, keiner sagte etwas. Doch die Unsicherheit, ob sich der schlichtere, aber musikalisch formvollendete Stil der Titelverteidiger gegen die mehr oder weniger musikalisch ausgereiften zusätzlichen Schwierigkeitsgrade der Konkurrenz durchsetzen würde, war den Gesichtern anzusehen.
Als am 30.11.2008 0:23 Uhr der ersehnte „Gottseidank-Erlösungsjubel“ die Max-Schmeling-Halle erschütterte - der zweite Platz für Slowenien wurde verkündet – fielen viele Steine von den Herzen zahlreicher erwartungsdrückender Gäste. Wir sind und bleiben Weltmeister. Hoffentlich auch noch nächstes Jahr in Spanien.
Das Bad in der Menge des Fanblocks war für die neuen Weltmeister viel schwieriger als z.B. in Wien, wo nach der Veranstaltung die Fläche ungehindert gestürmt werden konnte. Das öffentliche Interesse des deutschen Funk und Fernsehens wollte befriedigt sein. Da die Geduld der Fans auf eine harte Probe gestellt wurde, ergab sich der letzte Fanblockgesang des Abends uneinstudiert zwangsläufig: „Gebt uns unsren Weltmeister zurück, Weltmeister zurück, Weltmeister zurück…“
Für einen kurzen Moment hatte die Anhängerschar Glück, dann ereilte alle der Räumungsbefehl. Zu einer perfekten Organisation gehört ohne Fan-Gnade auch das zeitgerechte „Rauskehren“ der letzten Besucher zum pünktlichen Aufräumen der Halle.
Berlin, es war perfekt von vorn bis hinten, wir (incl. der rausgekehrten Fans) kommen gerne wieder.