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Der Erzgebirgsmarathon – ein Tanzkrimi

Freitag, 07.11.2008, 18.00 Uhr. Tatort: der „Erzhammer“ in Annaberg im sächsischen Erzgebirge. Zeugen: Gäste und Besucher. Verdächtige: elf eigens eingeladene Paare und sieben Wertungsrichter aus Tschechien, Belgien, der Slowakei, Österreich, Russland und Deutschland sowie die Turnierleiter und Helfer und Helferinnen des TSC Synchron Chemnitz. Das Motiv: den Bergstadtpokal der Stadt Annaberg zu gewinnen. Zum Tathergang: Die verdächtigen Personen reisen am Tattag an, mit mehr oder weniger Verspätung und mit mehr oder weniger vollständigem Gepäck. Die Zeugen werden Vorort unter dem Vorwand eines Sektempfanges zur Begrüßung in ihrer späteren Aussage- und Urteilsfähigkeit beeinflusst und in positive Grundstimmung, ja sogar Feierlaune versetzt. Die Gastronomiebetreiber des Tatortes machen sich insoweit der Mittäterschaft mitschuldig, dieser Vorwurf wird an dieser Stelle jedoch nicht weiter verfolgt. Die Verdächtigen finden sich am Tatort ein. Dies erfolgt in auffälligem Make-up und in prachtvollster Kostümierung. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Verdächtigen erfolgt in allen zur Verfügung stehenden Sprachen. Den Verdächtigen ist eine gewisse Nervosität – angesichts der auszuführenden Tat verständlich – anzumerken. Nach Eröffnung der Veranstaltung durch die Turnierleiterin Viola Martin, eine der Hauptverdächtigen, nimmt die weitere Tat ihren Verlauf. Die Paare aus den verschiedenen Nationen setzen alle zur Verfügung stehenden Mittel ein, die anwesenden Zeugen für sich zu gewinnen. Die Tatwaffen: tänzerische Höchstleistungen, Charme, Esprit und Überzeugungskraft bei der Darbietung der Tänze. Hinzu kommt teilweise auch eine zwischen den Verdächtigen zu beobachtende Komplizenschaft, etwa beim Verleih von einem Paar Tanzschuhe zwischen den Verdächtigen Thiele und Hils, d.h. dem Bestreiten des Turniers in einem Paar Schuhe für zwei Paar Füße. Für das eine Paar dieser Füße gereichte diese Komplizenschaft tatsächlich zum Taterfolg, den Gewinn des Bergpokals der Stadt Annaberg, vergeben durch das Publikum höchstselbst: Dem Paar Schehimi/Hils. Einen hervorragenden zweiten Platz errang das Paar Nikita Kolomeets und Linda Boskova aus Tschechien, der dritte Platz wurde durch das Paar Wolfgang Hemela und Michaela Lechner aus Österreich belegt. Tatzeit: 18.00 Uhr, Samstag, 08.11.2008. Tatort: Messehalle Chemnitz. Motiv: Erringen des Großen Preises des Klinikums Chemnitz. Verdächtige: Siehe vorhergehender Tattag mit einer Ausnahme: Das Paar Schehimi/Hils wird durch höhere Gewalt eines geheimnisvollen fremden Machtkonsortiums an der Tatteilnahme in Chemnitz gehindert. Tatort in diesem Falle: Errichtung eines anderen Schauplatzes. Zeugen: Das Chemnitzer Publikum. Tatumstände: 28°C in den Räumlichkeiten. Darüber hinaus wie auch zuvor: Zeugenbeeinflussung durch Sektempfang, Showprogramm durch die Streicherklasse des Dr.-Wilhelm-André-Gymnasiums und die Tanzformation „Sunflowers“, unter anderem mit der Darbietung „Rentner im Weltall“. Auch hier zogen die verdächtigen Tänzer wiederum alle Register, um die Wertungsrichter für sich einzunehmen, dieses Mal durch Austragung des Wettbewerbs in den Lateinamerikanischen Tänzen – nunmehr unter den erschwerten Bedingungen eines Tanzturniers in tropischer Hitze. Auch hier flogen dem Publikumsliebling die Herzen zu, die Punkte der Wertungsrichter hingegen dem Paar Nikita Kolomeets / Linda Boskova aus Tschechien, das einen ersten Platz belegen und damit den Großen Preis gewinnen konnte. Den zweiten Platz errangen Kurt van Briel / Vanessa Vangeel aus Belgien. Den dritten Platz konnten Zdeno Blesak / Natalia Spislakova aus der Slowakei für sich entscheiden. Dritter und letzter Tattag: 09.11.2008, Tatort : Schneeberg im sächsischen Erzgebirge. Motiv: Erringen des Silberpokals der Stadt Schneeberg. Zeugen und Verdächtige: wie auch zuvor, dieses Mal wiederum sind die Verdächtigen Schehimi/Hils mit von der Partie. Tatumstände: normale Außentemperaturen, aber Vermischung des Konvois der Verdächtigen mit einem Konvoi der Fussballfans der „Veilchen“ und erhöhte Ermüdungserscheinungen des Helfercorps nach bisherigem zweitägigem Dauereinsatz. Der übliche, als Willkommensgruß an die Zeugen ausgegebene Sekt zur Zeugenbeeinflussung auch hier, wie auch zuvor erfolgt prachtvollste Zurschaustellung von Künsten der Verkleidung, des Make-ups und erstklassiger tänzerischer Leistungen im Wettbewerb um die Gunst der Wertungsrichter und des Publikums. Tatentscheidend wirkten hier die Darbietungen des Paars Nikita Kolomeets / Linda Boskova aus Tschechien, welches den Silberpokal mit in die Heimat nehmen konnte. Den zweiten Platz errangen Zdeno Blesak / Natalia Spislakova für die Slowakei, der dritte Platz blieb in Deutschland und wurde an Rami Schehimi / Lilli Hils vergeben. Die Vorbereitungen der jeweiligen Tathergänge und die spätere Beräumung der Tatorte erforderten, nach Aussagen der verdächtigen Helfer und Turnierleiter des TSC Synchron, erheblichen organisatorischen und logistischen Aufwand. Der später von der Gerichtsmedizin festgestellte Pegel an guter Laune und Euphorie über die gelungenen Tathergänge sowohl bei den Verdächtigen als auch bei den geladenen Zeugen konnte nur mit „außergewöhnlich hoch“ diagnostiziert werden. Festzustellen bleibt, dass dieser Tathergang, die Ausrichtung eines dreitägigen Tanzmarathons sein „verflixtes dreizehnte Jahr“ trotz großen Erfolges und breiter Zustimmung des Publikums nicht überleben wird. Damit wird nach dreizehn Jahren eine Tradition beerdigt. Die Obduktion des Toten ergab jedoch, dass seine Auferstehung demnächst bevorsteht: Als zweitägiges Frühjahrsturnier am 25. und 26. April 2009. Mit den üblichen Verdächtigen. I. Feuersenger
Tanzspiegel 01/09